Ein versierter Politiker, ein aktivistischer Filmemacher, ein beeindruckender Fotograph, Killer während des indonesischen Genozids – Kein anderes Genre bietet solch eine Varietät an Geschichten, Stories aus dem wahren Leben eben. Früher noch als „längere Reportage“ verschrien, räumen Dokumentarfilme heutzutage auf sämtlichen Preisverleihungen ab. In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr bekannte Filmemacher dem Genre verschrieben. Und warum auch nicht? Dokus bieten genügend Raum für Kreativität und cineastischen Anspruch in der Erzählkunst. Die besten Dokumentarfilme der vergangenen Jahre auf maxdome:

 

Bowling for Columbine

Aktivist mit Kamera – so könnte man Michael Moore wohl am besten beschreiben. Dabei schreckt der amerikanische Filmemacher und Buchautor vor nichts zurück: Bei den Oscars hielt er eine brennende Rede gegen die Bush-Regierung und versammelte dabei geschlossen alle Nominierten der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ hinter sich auf der Bühne. Ausgebuht und bejubelt – Michael Moores beachtliche Karriere bewegt sich irgendwo dazwischen.

In Bowling for Columbine macht Moore die Entdeckung, dass in der Kleinstadt Columbine nicht nur der Littleton-Schütze Eric Harris, sondern auch einer der beiden Attentäter von Oklahoma City, sowie Charlton Heston, der prominente Waffen-Lobbyist der National Rifle Association, aufwuchsen, und präsentiert so einen provokativen Blick auf Amerikas explosive Liebesbeziehung zu Feuerwaffen.

Bowling for Columbine gewann den Oscar als bester Dokumentarfilm 2003.

 

Fog of War

Errol Morris zählt zu den Meistern des Dokumentarfilms, seine Interviews sind legendär. Dafür hat der New Yorker sogar eine eigene Vorrichtung an der Kamera, das Interrotron, entwickelt, bei dem ein persönliches Gespräch entsteht, ohne dass er sich selbst im Raum befindet und der Interviewpartner direkt in die Kamera spricht.

Aus den Augen von Robert S. McNamara, einer der kontroversesten Figuren der Weltpolitik, wird die Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachtet: Aus bescheidenen Verhältnissen der Depressionsära in kürzester Zeit zu John F. Kennedys Verteidigungssekretär aufgestiegen, wurde McNamara während seiner siebenjährigen Amtszeit unter anderem für den Vietnamkrieg mit verantwortlich gemacht.

Fog of War wurde 2004 mit dem Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet.

 

Eine unbequeme Wahrheit

Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore reist seit einigen Jahren durch die Welt, um auf die Folgen und Ursachen der weltweiten Umweltzerstörung hinzuweisen. Er versucht, die Menschen und die Wirtschaft aufzurütteln. Eine unbequeme Wahrheit, der sich niemand entziehen kann, ist, dass der Mensch für die Klimaerwärmung verantwortlich ist und der gesamten Menschheit eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes bevorsteht.

Nachdem Präsidentschaftskandidat Al Gore George W. Bush unterlag, widmete er sich dem großen Thema seiner Wahlkampagne, dem Klimaschutz. 2007 wurde er dafür belohnt: Eine unbequeme Wahrheit gewann nicht nur den Oscar als „Bester Dokumentarfilm“, sondern auch in der Kategorie „Bester Filmsong“, ungewöhnlich deshalb, da in dieser Kategorie sonst nur Songs aus fiktiven Filmen ausgezeichnet werden. Viele prominente Unterstützer und Aktivisten machten es Al Gore mit eigenen Filmen nach, zuletzt Leonardo DiCaprio in Before the Flood. Keiner konnte jedoch an den Erfolg von Eine unbequeme Wahrheit anknüpfen.

 

Man on Wire – Der Drahtseilakt

Im Jahr 1974 schafft der Franzose Philippe Petit das scheinbar Unmögliche: Er balanciert auf einem Drahtseil in fast 500 Metern Höhe, ohne Netz oder Sicherungsleine, zwischen den beiden Türmen des New Yorker World Trade Centers fast eine Stunde lang hin und her. Nach diesem unvorstellbaren und überwältigenden Höhentanz wird er festgenommen. Was bis dahin keiner weiß: Petit und seine Komplizen haben diesen illegalen Coup seit über sechs Jahren geplant und vorbereitet.

Die Doku Man on Wire lässt Zeitzeugen das Geschehene zusammenfassen und präsentiert seltenes Filmmaterial der Vorbereitungen des Ereignisses, Fotos des Drahtseillaufs, Szenen aus dem Leben des jungen Petit und aktuelle Interviews mit den Beteiligten. Obwohl vom eigentlichen Drahtseilakt keine Videoaufnahmen vorhanden sind, schaffen die Filmemacher es, eine Spannung und Nervenkitzel aus den Bildern zu holen, sodass man am Ende des Films meint, den Mann auf dem Drahtseil live gesehen zu haben. Für diese tolle filmische Leistung gab es 2009 den Oscar als „Bester Dokumentarfilm“.

 

Die Bucht

Der Oscar 2010 ging ebenfalls an einen tollen und wichtigen Dokumentarfilm: Ric O’Barry, in den 60er-Jahren der Trainer von „Flipper“, kämpft seit einem tragischen Vorfall seit fast 40 Jahren mit ganzer Leidenschaft gegen die Industrie, die diese intelligenten und freundlichen Tiere gnadenlos ausbeutet: Mit Delfinarien, Delfin-Shows, Delfintauchgängen und -therapien entstand ein global florierendes Multimilliardengeschäft. Weltweit engagiert sich Ric O’Barry gegen den Fang von Delfinen und macht wirtschaftliche und politische Interessen öffentlich, die hinter dem Geschäft mit den Meeressäugern stehen. Was er jedoch im japanischen Küstenort Taiji entdeckt, ist unvorstellbar.

 

Inside Job

Die Finanzkrise, die 2008 die globale Wirtschaft vor den Abgrund brachte, kostete bisher geschätzte 20 Billionen Dollar. Nicht nur Banken wie Lehman Brothers gingen bankrott, sondern auch ganze Länder wie Island standen kurz vor dem Zusammenbruch. Millionen von Menschen verloren ihre Jobs. All dies passierte nicht aufgrund irgendwelcher unvorhersehbaren, unglücklichen Zufälle, sondern war systemimmanent. Und noch während die Krise in vollem Gang war, lebten die Verantwortlichen in Saus und Braus… Inside Job ist im Englischen eine informelle Bezeichnung für eine Straftat zum Nachteil eines Unternehmens, die durch einen eigenen Mitarbeiter verübt wird, also eine Straftat durch einen „Insider“. Regisseur Charles H. Ferguson befragt Banker, Politiker und Wirtschaftsprofessoren nach den Ursachen der Finanzkrise und kommt zu einem schockierenden Fazit.

Dafür gab es 2011 den Oscar.

 

Exit Through the Gift Shop

Banksy ist ein Phantom. Obwohl – oder gerade weil – seine Kunst Fassaden und Mauern auf der ganzen Welt ziert, weiß niemand, wer hinter dem gefeierten Street Art Künstler eigentlich steckt. Bis sich ein verrückter Franzose und selbsternannter Dokumentarfilmer namens Thierry Guetta zum Ziel gesetzt hat, Banksy aufzuspüren, was ihm durch gute Kontakte und ein bisschen Zufall sogar gelingt. Aber dann kommt alles anders als geplant: Banksy dreht den Spieß um und richtet die Kamera auf Guetta. Der wiederum startet nun selbst eine überraschende Karriere als Künstler… Exit Through the Gift Shop war 2011 ebenfalls für einen Oscar nominiert, verlor jedoch gegen die Finanz-Doku Inside Job.

 

Searching for Sugar Man

Sixto Rodriguez… Noch nie gehört? Dabei war der mexikanisch-stämmige Singer-Songwriter einst gefeiert wie Bob Dylan und Elvis Presley zusammen – allerdings ausschließlich in Südafrika. Hier wurde in den 70ern sein Album „Cold Fact“ zum Soundtrack der Antiapartheidbewegung. In Rodriguez‘ Heimat hingegen, den USA, wusste niemand von seinem Ruhm, auch nicht er selbst. Zwei südafrikanische Fans begeben sich eines Tages auf die Suche nach ihrem Idol, um das sich viele Gerüchte ranken, vor allem um dessen vermeintlichen Selbstmord. Was sie am Ende entdecken, ist weit mehr, als sie sich erhofft hatten. 2013 erhielt der schwedisch-britische Dokumentarfilm den Oscar.

 

The Act of Killing

Mut muss man haben. Um Sponsoren für den eigenen Film zu finden, gehen Dokumentarfilmer in der Regel viele mühselige Wege. Nicht so Joshua Oppenheimer. In 10 Minuten überzeugt er den großen Regie-Meister Werner Herzog, dem er beim Frühstück ohne viele Worte seinen Laptop mit dem gedrehten Material vorsetzt. Herzog brauchte nicht lange, um festzustellen, dass dieses Material ein herausragender Film werden würde. Und ja, The Act of Killing ist ein Wahnsinnsfilm.

In Zeiten des Kalten Krieges war die Verfolgung von echten und vermeintlichen Kommunisten in vielen Staaten Alltag. Doch wohl nirgendwo hat die Kommunisten-Hatz solche schrecklichen Ausmaße gehabt wie in Indonesien. Hier wurden nach einem Armeeputsch in den Jahren 1965 und 1966 zwischen 500.000 und drei Millionen Oppositionelle, Studenten, Gewerkschafter, eingewanderte Chinesen und angebliche Kommunisten ermordet – alles unter dem Vorwand, das Land vor dem Kommunismus zu schützen. Die genauen Opferzahlen schwanken so extrem, weil der Genozid nie aufgearbeitet wurde. Die Auftraggeber und Täter von damals gehören bis heute zur gesellschaftlichen und machtpolitischen Elite Indonesiens. Die oscarnominierte Dokumentation The Act of Killing begleitet Anwar Congo, einen ehemaligen Anführer der damaligen Todesschwadronen, der bis heute als Held gefeiert wird. Congo plaudert freiwillig und geradezu angeberisch über seine Taten und stellt diese auf Nachfrage sogar bereitwillig nach, indem er sie künstlerisch in Szene setzt.

Mit The Look of Silence drehte Regisseur Joshua Oppenheimer derweil eine ebenfalls oscarnominierte weitere Geschichte über den Genozid in Indonesien.

 

Das Salz der Erde

Wim Wenders ist bekannt für seine fantastischen Aufnahmen. Wenn er dann noch einen großartigen Fotographen wie Sebastião Salgado porträtieren soll, kann dabei nur eins herauskommen: Ein umwerfender Film! Salgados imposante Schwarz-Weiß-Bilder erwachen in Das Salz der Erde zum Leben. Die oscarnominierte Doku widmet sich dem Leben und Werk des Künstlers Sebastião Salgado, der die unberührten Gegenden unseres Planeten fotographisch für die Nachwelt festhält. Beeindruckend. Faszinierend. Wim Wenders.

 

 

Amy

Der Oscar-Gewinner 2016 ist ein Porträt von Amy Winehouse, die Beehive-Ikone mit der unvergleichlichen Soulstimme, die mit ihren persönlichen Texten Millionen Fans bewegte und sechs Grammys mit nach Hause nahm. Dieselbe Amy, deren Drogenexzesse die Schlagzeilen weit über England hinaus bestimmten, deren betrunkene Auftritte für Aufsehen sorgten und die am 23. Juli 2011 viel zu früh die Bühne des Lebens verlassen musste.

Mit vielen Privataufnahmen bestückt, bietet die Doku einen faszinierenden Einblick in das Leben von Amy Winehouse, ihre Träume, Hoffnungen und ihr Leid. Der Film berührt selbst Kinofans, die nichts mit der Musik der Künstlerin zu tun haben. Amy ist das Porträt eines Superstars, der überhaupt kein Star sein will.

 

Cartel Land

Die Eröffnungsszene ist gleich zu Beginn Nervenkitzel pur. Eine wackelige Handkamera zeigt eine maskierte, schwer bewaffnete Drogenbande, die nur auf eine falsche Frage des „Gringos“ zu warten scheint: Regisseur Matthew Heineman ist sich für seinen Film für nichts zu schade. Sein mutiger Einsatz macht Cartel Land zu einem bemerkenswerten Film. Allein seit 2006 hat der mexikanische Drogenkrieg 80 000 Menschenleben gefordert. Jedes Jahr machen dabei die mächtigen Kartelle einen Umsatz von ca. 50 Milliarden US-Dollar, vor allem mit der synthetischen Droge Crystal Meth. Mehr als genug Geld, um Polizei und Politik zu bestechen, um weiterhin ungehindert illegalen Geschäften nachzugehen. Dabei handeln sie schon längst nicht mehr nur mit Drogen, sondern auch mit Waffen, Organen und sogar Menschen. Gleichzeitig inszenieren sich die „Narcos“ vor allem in ländlichen Gebieten als Wohltäter, die Schulen, Straßen und Krankenhäuser bauen. Auf sich allein gestellt, nimmt jedoch immer mehr die Zivilbevölkerung die Justiz in die eigene Hand. Ein besonders erfolgreiches Beispiel dafür sind die „Grupos de Autodefensas“, die im Bundesstaat Michoacan im Süden Mexikos gegen ein Syndikat namens „Die Tempelritter“ vorgehen – zur Not auch mit Waffengewalt. Ihr Anführer ist der charismatische Arzt Jose Manuel Mireles. Mit ihrem Markenzeichen, den weißen T-Shirts, konnten sie bereits ein Dorf nach dem anderen von den Tempelrittern befreien.

Auch auf der US-Seite hat sich eine Bürgerwehr gegründet. Sie nennt sich „Arizona Border Recon“ und wurde von Tim Foley, einem Ex-Fallschirmspringer der US-Army, ins Leben gerufen. Er kennt die verheerende Wirkung von Crystal Meth ganz genau – er war selbst einmal von der Droge abhängig. Im 80 km langen „Cocaine Valley“ ist der reaktionäre Foley mit seinen Mitkämpfern auf Patrouille, um Drogenkuriere abzufangen, bevor sie ihre gefährliche Ware verkaufen können.

Regisseur Matthew Heineman drehte mit City of Ghosts einen ebenfalls sehenswerten Film zu den Journalisten, die unter Lebensgefahr über die ISIS-Hochburg Raqqa berichten und so die unfassbaren Gewalttaten der ISIS-Kämpfer enttarnen.

 

Wovon träumt das Internet

Eine Liste zu den sehenswertesten Dokumentarfilmen kann nicht vollständig sein ohne den großen Meister erwähnt zu haben: Werner Herzog. Seine Dokus sind skurril wie herzergreifend, man merkt, wie sehr dem Filmemacher sein Werk am Herzen liegt. In Wovon träumt das Internet erzählt Herzog in Episoden die Geschichte der digitalen Welt von ihrer Geburt auf einem Uni-Campus in Kalifornien bis hin zu ihren ungewissen Zukunftsprognosen zwischen Utopie und Dystopie. In Interviews mit Wissenschaftlern und Experten, wie dem Tesla-Gründer Elon Musk, reflektiert er kritisch über die bedeutendste Erfindung des 20. Jahrhunderts. Cyberkriege, künstliche Intelligenz, der Verlust von Privatsphäre und Krankheiten als Folge der permanenten Bestrahlung – alle werfen die Frage auf, ob uns die Kontrolle über unsere Kreation bereits zu entgleiten droht.

Weitere Werner Herzog-Dokus auf maxdome:

Mein liebster Feind

Die Höhle der vergessenen Träume

Tod in Texas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.