Darren Aronofsky macht entweder großartige Filme, die mit Preisen überhäuft werden, wie seinen Erstling Requiem for a Dream, Kritikerliebling The Wrestler oder den oscarprämierten Black Swan – oder er fällt bei Kritik und Publikum durch mit Filmen wie dem überkandidelten Bibeldrama Noah.

Mit mother! haben Aronofsky und sein Team 2017 die Geheimniskrämerei in Hollywood neu erfunden: Über den Film, seinen Cast und die Story wurden so gut wie keine Details im Vorfeld bekannt. Nur dass Superstar Jennifer Lawrence einen Part spielen würde – schon Anfang des Jahres wurden Gerüchte laut, dass es zwischen ihr und dem Regisseur geknistert habe.

Nun ist klar, dass Jennifer Lawrence die titelgebende mother verkörpert, während Oscarpreisträger Javier Bardem ihren ebenso leidenschaftlichen wie latent aggressiven Ehemann darstellt. Die beiden spielen ein Ehepaar, das in aller Abgeschiedenheit in einem riesigen Haus residiert. Lawrences Figur ist eine akribische Innenarchitektin, die sich aufopferungsvoll um den Aufbau des zuvor abgebrannten Anwesens kümmert. Bardem spielt den Poeten mit der Schreibblockade, der seiner um einiges jüngeren Frau verfallen zu sein scheint und gleichzeitig viel Zeit abseits ihrer Gegenwart verbringt.

Das Leben der beiden wird auf den Kopf gestellt, als ein Ehepaar dem Anwesen einen Besuch abstattet: Ein todkranker Fan (Ed Harris) und seine indiskrete und etwas manisch wirkende Frau (Michelle Pfeiffer) richten sich im Haus des Paares ein und wirken zunehmend bedrohlicher. Während der Schreiber die beiden willkommen heißt, wünscht sich die junge Frau nur eines: Wieder in Ruhe und Frieden mit ihrem Mann zu leben. Nachdem auch noch die beiden zerstrittenen Söhne der Eindringlinge unangemeldet auftauchen und es zu einem Kain-und-Abel-mäßigen Zerwürfnis kommt, verstehen wir auch endlich, warum Lawrences Figur ihre Vorbehalte hatte: Von jetzt an geht es nur noch bergab. Die bedrohlich-klaustrophobische Atmosphäre wandelt sich ab der Hälfte des Films zu einer cineastischen Apokalypse, bei der weder Dramaturgie noch Logik eine Rolle spielen. Der einzige Schauplatz des Films, das Anwesen, wird zum Schlachtfeld, zum Mittelpunkt der Anarchie, zum Beweis, dass das angekündigte Böse im Haus letztendlich erwacht ist.

Jennifer Lawrence liefert in mother! eine überragende Performance als (ungewohnt) zurückhaltende und sensible junge Frau (und später Mutter), die durch die eng an sie gebundene Kameraführung und sehr subjektive Erzählweise zur alleinigen Protagonistin wird. Ihr gegenüber stehen die Befremdlichkeit des riesigen Hauses, ihr zerstörerisches Eheleben, die fiesen Gäste und das Hereinbrechen der Apokalypse in Form hunderter Komparsen, die im Anwesen ihre Huldigung ausleben: Javier Bardem ist eine Art Götter-Vater-Figur, die allegorisch für einen Schöpfer steht und in dessen finalen Handlungen der Twist der Geschichte steckt.

Aronofsky hat mit mother! einen nervenzerfetzenden Horrorthriller geschaffen, der mit großartiger Bildsprache besticht, dessen Rechnung ab der Hälfte des Films aber nicht mehr aufgeht: Wo zuvor eine bedrohliche Atmosphäre und beengende Figurenkonstellationen geschaffen werden, vernichtet Aronofsky seine metaphorische Geschichte durch das Zünden der cineastischen Bombe. Bilder, Musik, Gore-Elemente, Slow-Motion-Sequenzen und die Umkehr der Figuren in beispielhafte Überwesen ist zu viel des Guten. Nichtsdestotrotz bietet mother! Spannung auf höchstem Niveau und fesselt den Zuschauer an seinen Kinosessel. Hier kann man nicht wegschauen, auch wenn man es vielleicht gerne möchte.

 

mother! © 2017 Paramount Pictures.
Bildnachweis: © 2017 Paramount Pictures.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.