Für einen gelungenen Film bedarf es, wie wir wissen, mehr als nur einer gute Story. Wenn uns ein Kinobesuch sprachlos zurück lässt oder aber ganz im Gegenteil, die Flut an Gedanken in einem Redeschwall aus uns herausbrechen, dann hat ein Film etwas mit uns gemacht. Irgendetwas. Manchmal lässt es sich gar nicht so einfach zuordnen, was genau die vielen Emotionen ausgelöst hat. Es ist das Gesamtwerk ­– vom Licht bis hin zum Schnitt – wobei jede noch so winzige Kleinigkeit mindestens auf unbewusster Ebene eine wichtige Rolle spielt.

Und da heute  zufällig der „Vinyl Record Day“ ist, der vor einem non-profit Hintergrund die Wertschätzung der Vinyl-Musik und Kultur wahren möchte, wollen wir einer ganz besonders wichtigen Komponente ein kleines Tribut widmen: Der Musik.

Wie enorm wichtig der Soundtrack für die Stimmung eines Films ist, hat bestimmt jeder schon des Öfteren bemerkt, wenn sich mal wieder die Gänsehaut ganz ohne Vorwarnung am gesamten Körper ausbreitet. Musik verstärkt Emotionen, untermalt Stimmungen und lässt uns mit Spannung vorausahnen. Und das ist schwieriger als man glauben möchte – da reicht es schon lange nicht mehr einfach gute Songs über die Bewegtbilder zu legen. Die Kunst herausragende Musikmomente zu schaffen liegt vielmehr im Zusammenspiel von Ton und Bild, in der Harmonie von Schnitt und Rhythmus oder Licht und Stimmung.

Einige wenige Szenen der Filmgeschichte haben gerade durch den geschickten Einsatz von Musik Filmmomente für die Ewigkeit geschaffen.

 

Hier unsere Top 10 der raffiniertesten Musik-Momente:

 

10. Hautnah – Damien Rice „The Blower’s Daughter“

Auf den ersten Blick etwas kitschig, zugegeben. Trotzdem hat Mike Nichols mit dieser Eingangsszene von Hautnah die Massen begeistert und „The Blower’s Daughter“ von Damian Rice könnte nicht stimmiger sein: Von der wieder- und wiederkehrenden Zeile „I can’t take my eyes off of you“, bis zur Verlangsamung der Melodie als sich Dan (Jude Law) und Alice (Natalie Portman) aus der Masse herauskristallisieren und in slow-motion aufeinander zusteuern. Ein kurzer Break im Song und gleichzeitig verdunkelt sich Dans Mimik, bevor die Musik wie auch die Handlung plötzlich bricht. Die Überraschung ist gelungen: Die Tatsache, dass es sich um eine Eingangsszene handelt, der Slow-Motion Effekt, wie auch die gefühlvolle Ballade hielten das Publikum davon ab, den tragischen Vorfall vorauszuahnen.

 

9. Slumdog Millionär – A.R. Rahman & M.I.A. „O Saya“

Der Indische Musiker A.R. Rahman und die Britin M.I.A. haben sich für den Soundtrack zu Slumdog Millionär zusammengetan und eine Reihe großartiger Werke geschaffen, die den einzelnen Szenen wie auf den Leib geschneidert scheinen. Der Song „Jai Ho“ hat zwar am Ende den Oscar abgesahnt und mag vielleicht rein musikalisch der bessere Titel sein, trotzdem hat „O Saya“ in Sachen Wirkung auf die Szene eindeutig die Nase vorn. Die Verfolgungsjagd der Jungen durch die Slums wird durch die schnellen Trommelklänge vorangetrieben und die schnellen Schnitte, unterbrochen von längeren Einstellungen harmonieren perfekt mit Rhythmus und Melodie des Songs.

 

8. Drive – Kavinsky „Night Call“

Das Besondere an der Eingangsszene von Drive ist, dass Bild und Ton in diesen ersten 2:45 Minuten die Grundstimmung des Films mit einfachsten Mitteln auf den Punkt bringen. Ton und Bild decken sich: Es sind die 80er, es ist ein bisschen trashy und es ist düster. Der wunderschöne Schnitt auf den Break im Song gibt dann noch einen extra Pluspunkt. Man liebt Drive entweder ab den ersten zehn Sekunden oder eben gar nicht. Und auch Kavinskys Song „Night Call“ nahm nach der Veröffentlichung des Soundtracks Fahrt auf und machte trotz Retro-Sound nicht einmal vor den Mainstream-Radiostationen halt.

 

7. Trainspotting – Lou Reed „Perfect Day“

Dank Lou Reeds Beitrag zu Trainspotting können wir uns alle getrost die Erfahrung mit harten Drogen ersparen. Immerhin sind wir als Zuschauer zusammen mit Renton (Ewan McGregor) in den Teppich gesunken und konnten seinen Trip nur zu gut mitfühlen. Die bittersüße Ironie Lou Reed währenddessen vom „Perfect  Day“ schmachten zu lassen, gibt der Szene das letzte Fünkchen zur Großartigkeit.

 

 

6. Garden State – The Shins „New Slang“

Zach Braff (Scrubs) hat mit seinem Regie-Debut Garden State den Überraschungserfolg 2004 gelandet und gleichzeitig den Grundstein für seinen Ruf als begnadeter Independent-Regisseur mit stilvollen Alltagsromanzen und vor allem unfassbar geschmackvollen Soundtracks gelegt. Der erste magische Moment aus Zach Braffs Feder: Das Kennenlernen von Sam (Natalie Portman) und Andrew (Zach Braff), das so wunderschön simpel und echt wirkt, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als sich direkt in die beiden Hauptcharaktere zu verlieben. Und Amor spielen bei der Sache ganz eindeutig The Shins, deren Song „New Slang“ Dan auf den Kopfhörern hört während er sich im Lächeln von Sam verliert. Hach.

 

5. American Psycho – Huey Lewis & the News „Hip to be square“

Für diesen genialen Filmmoment muss man bereits dem Autor von American Psycho, Bret Easton Ellis danken, der seinen Protagonisten schon in der Romanvorlage das Lied „Hip to be square“ pfeifen lies. Mary Harron gab dem Song in seiner Verfilmung dann aber noch mehr Bedeutung und lies Patrick Bateman (Christian Bale) erst einmal über die Band philosophieren und zum Song tanzen, bevor er vor dem Hintergrund des Gute-Laune-Tracks seinen kaltblütigen Axt-Mord begeht.

 

4. Die Royal Tenenbaums – Elliott Smith „Needle in the Hay“

Gerüchten zufolge war Elliott Smith mit der Verwendung seines Songs in dieser entscheidenden Szene nicht ganz zufrieden, was wir allerdings so gar nicht nachvollziehen können. Immerhin macht erst der Song die berühmte Rasier-Szene zu einem unvergesslichen Filmmoment: Richie Tenenbaums (Luke Wilson) Selbstmordversuch ist eiskalt und brennt uns trotzdem im Herzen. Da hat Wes Anderson mal wieder die Nadel im Heuhaufen gefunden und mit dem Song mehr als nur einen Glücksgriff gemacht.

 

3. Dirty Dancing – Bill Medley & Jennifer Warnes „(I’ve Had) The Time of My Life“

Oh Überraschung! Ja es lag natürlich auf der Hand aber ganz ehrlich, es kann einfach keine Filmmusik-Liste ohne Dirty Dancing geben. Kein anderer Song wird so stark mit einem einzigen Tanz  in Verbindung gebracht, wie „(I’ve Had) The Time of My Life“. Egal wann und wo der eigens für den Film geschriebene Song auch aus den Lautsprechern tönt, Damen auf der ganzen Welt halten sich die Brust und schmachten nach Patrick Swayze. Immer noch. Und immer noch verdanken wir es dem Ohrwurm, dass wir uns plötzlich nach einer Sommerromanze sehnen und Heißhunger auf Wassermelonen bekommen. Danke, we owe it all to you.

 

2. Pulp Fiction – Neil Diamond „Girl, You’ll Be a Woman Soon“

Ja, klar. Eigentlich könnte man auch einfach blind in den Soundtrack-Topf von Quentin Tarantino greifen und hätte auf jeden Fall eine Szene in der Hand, die es verdient hätte in dieser Liste erwähnt zu werden. Einzig aufgrund Platzmangels soll „Girl You’ll be a Woman Soon“ stellvertretend für Tarantinos geschicktes Händchen bei der Songauswahl stehen. Während Mia (Uma Thurman) in ihrem Wohnzimmer ausgelassen tanzt und Vincent (John Travolta) vor dem Spiegel sein Selbstbewusstsein stärkt, baut Neil Diamonds schön melancholischer Hit die bevorstehende Tragödie unbemerkt auf und verankert die Szene fest in unseren Filmherzen.

 

1. Fight Club – The Pixies „Where is my mind?“

Das große Finale von David Finchers  Fight Club – der wahrscheinlich schönste Mind-Fuck der Filmgeschichte. Gerade einmal 47 Sekunden dauert die finale Szene, die vom Indie-Pop-Klassiker „Where is my mind“ von The Pixies so wundervoll ironisch kontrastiert wird. Während der Titel zum Plot wie Brad Pitts Faust auf Edward Nortons Auge passt, macht gerade die eigentliche Unstimmigkeit von Bild und Ton hier das Meisterwerk perfekt. Die Auflösung der Story noch nicht ganz verdaut, lässt einen der Song den Abspann über noch sprachlos und in seinen Kinosessel gefesselt zurück. Ein Song der so traurig und schön zugleich ist, genau wie das finale Bild von Marla Singer (Helena Bonham Carter) an der Hand des namenlosen Erzählers (Edward Norton) vor den lautlosen Explosionen in der Stadt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.