Danny Boyle: Filme lieber ungewöhnlich

22.02.2017 von Stefanie Bradish Schlagwörter: , ,

Eine öffentliche Toilette. Es sieht aus wie in einem Horrorfilm. Fußboden, Wände, alles ist besudelt mit Substanzen, von deren Herkunft und Beschaffenheit man lieber nichts erfahren möchte. Ein kurzgeschorener Junkie (Ewan McGregor) fischt wild mit bloßer Hand in der randvoll mit Durchfall gefüllten Toilettenschüssel herum. Gelinde gesagt: Alles eher unschön. Während Protagonist und Zuschauer noch mit Brechreiz kämpfen, erklingt Klassik. McGregor verschwindet kopfüber in der Toilettenschüssel und geht in plötzlich glasklarem, blauem Meereswasser auf Tauchgang. So haarsträubend, so überraschend, so gut. So ist Regisseur Danny Boyle.

Danny Boyle über seine Arbeit

Und nun zu etwas völlig anderem

Danny Boyle ist der personifizierte Monty Pythons Spruch „And now for something completely different“ („Und nun zu etwas völlig anderem“), wenn es um die Auswahl seiner Projekte geht. Während andere Regisseure damit kämpfen, dass sie auf ein einziges Genre abonniert sind, springt Boyle scheinbar mühelos immer in völlig andere Gefilde. So ist sein Folgeprojekt thematisch meist meilenweit von dem vorigen entfernt. Gemeinsamkeiten findet man lediglich in seinem Stil: Boyle ist bekannt für seine wilden Schnitte, tollen Bilder, packenden Geschichten und grandiosen Soundtracks. Und natürlich für seine äußerst vorzeigbare Auswahl an männlichen Hauptdarstellern. Ewan McGregor, Cillian Murphy, Leonardo DiCaprio, James McAvoy und Michael Fassbender – er hatte sie alle! Teilweise sogar mehrfach.

Genau dieser Umstand führte allerdings auch zu Beziehungsproblemen. Nachdem Boyle dem schottischen Schauspieler Ewan McGregor in seinen ersten drei Filmen (Kleine Morde unter Freunden (1994), Trainspotting – Neue Helden (1996) und Lebe lieber ungewöhnlich (1997)) die Hauptrolle gab, sollte dieser auch in dessen nächsten Projekt The Beach (2000) den Protagonisten verkörpern. Die Rolle ging jedoch an Leonardo DiCaprio. Grund hierfür war wohl die damit verbundene, verbesserte Finanzierungssituation des Films. Das Resultat: Das einstige Dreamteam Boyle und McGregor ging fast zwei Jahrzehnte lang getrennte Wege.

Dies änderte sich erst wieder für Trainspotting 2. Boyle entschuldigte sich reumütig bei McGregor und gestand ihm und der Welt ein, die Sache damals nicht besonders feinfühlig angegangen zu sein. Das passt thematisch ausgezeichnet zu Trainspotting 2, denn der Kern der Nostalgie des Films sei Enttäuschung, so Boyle.

Sowohl Boyle als auch McGregor sinnierten in den diversen Interviews der letzten Monate wehmütig darüber, was sie alles gemeinsam in dieser Zeit hätten verwirklichen können. Doch von außen betrachtet, scheint beiden ihre Auszeit voneinander nicht unbedingt beruflich geschadet zu haben. Immerhin wurde McGregor zum jungen Obi-Wan Kenobi in George Lucas Star Wars Saga, während Boyle für Slumdog Millionär 2008 sowohl einen Golden Globe, als auch einen Oscar abräumte. Für zwei weitere Oscars wurde er 2010 für seinen Film 127 Hours mit James Franco in der Hauptrolle nominiert. Und nach seiner fulminanten Inszenierung der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London 2012, wollte die Queen Boyle sogar zum Ritter schlagen. Er lehnte jedoch dankend ab.

Nicht nur bei Boyle und McGregor kochten anlässlich einer möglichen Reunion der alten Trainspotting Clique große Emotionen hoch. Robert Carlyle, der den cholerischen Schläger Begie in Trainspotting verkörpert, soll beim erstmaligen Lesen des Skripts in Tränen ausgebrochen sein. Und Sick Boy (Johnny Lee Miller) machte seinem Namen alle Ehre und übergab sich erst einmal. Genau diese Verschmelzung der realen Emotionen der Darsteller und der ihrer Figuren, macht Trainspotting 2 zu dem, was es ist: Eine mehr als denkwürdige Fortsetzung mit absolutem Seltenheitswert. Boyle wollte diesmal einen viel persönlicheren, für ihn schmerzhafteren Film machen, sagte er im Zeit-Interview auf der Berlinale. Es ist ihm gelungen.

 

Danny Boyles Projekte

Kleine Morde unter Freunden (1994)

In der Mischung aus Krimi und schwarzer Komödie versuchen Ewan McGregor und seine Mitbewohner eine Leiche zu entsorgen und sich mit deren Geld aus dem Staub zu machen. Der Film war Danny Boyles Regiedebüt und gewann einen BAFTA Award.

 

 

Trainspotting - Neue HeldenTrainspotting – Neue Helden (1996)

Das Drama um eine Clique schottischer Junkies (Ewan McGregor, Jonny Lee Miller, Ewen Bremner, Robert Carlyle und Kevin McKidd) ist die Verfilmung von Irvine Welshs gleichnamigen Kultroman. Der Film mutierte zu einem der Kultfilme der 90er und verhalt Hauptdarsteller Ewan McGregor und Regisseur Danny Boyle zum internationalen Durchbruch.

 

Lebe lieber ungewöhnlich (1997)

Kurzweilige amerikanische Komödie mit Ewan McGregor, Cameron Diaz, Holly Hunter, Stanley Tucci und Ian Holm. Die Kritikermeinungen reichten von einem begeisterten „knallbunt“ und „rabenschwarz“ bis hin zu „zu schrullig“. Hauptdarsteller Ewan McGregor räumte dafür trotzdem den britischen Filmpreis Empire Award ab.

 

 

The Beach im maxdome PaketThe Beach (2000)

Abenteuer-Drama rund um ein paar junge Thailand Touristen, die dort auf eine Gruppe Aussteiger treffen. Die Literaturverfilmung basiert auf dem gleichnamigen Kultroman von Alex Garland und wurde mit Leonardo DiCaprio, Tilda Swinton, Guillaume Canet und Robert Carlyle in den Hauptrollen verfilmt. Leonardo DiCaprio erhielt 2001 für seine Darstellung eine Nominierung für die Goldene Himbeere.

 

28 Days Later28 Days Later (2002)

Der Endzeit-Horror-Thriller spielt im England der Jahrtausendwende. Er handelt vom Zusammenbruch der Gesellschaft aufgrund eines hochansteckenden, tödlichen Virus. Die wenigen Überlebenden (unter anderem Cillian Murphy, Naomie Harris, Brendan Gleeson, und Christopher Eccleston) versuchen aus dem von Infizierten bevölkerten London zu fliehen. Der Erfolg des Films führte 2007 zu der Fortsetzung 28 Weeks Later.

 

Millions (2004)

Die britische Tragikkomödie handelt von dem jungen Halbwaisen Damian (Alex Etel). Der Film wurde 2005 für das beste Drehbuch (Frank Cottrell Boyce) mit dem British Independent Film Award und als bester Live Action Family Film mit dem Phoenix Film Critics Society Award ausgezeichnet.

 

 

SunshineSunshine (2007)

In dem Science-Fiction-Film soll Cillian Murphy das drohende Ende der Menschheit verhindern. Produktionsdesginer Mark Tildesley wurde für seine Arbeit an Sunshine bei den British Independent Film Awards 2007 in der Kategorie Beste Technik ausgezeichnet. Hauptdarsteller Cillian Murphy wurde immerhin nominiert. Ebenfalls nominiert wurde der Film als Bester Science-Fiction Film bei den Saturn Awards 2008.

 

Slumdog Millionär Slumdog Millionär im maxdome Paket(2008)

Hauptdarsteller Dev Patel erinnert sich bei einer Runde „Wer wird Millionär“ an sein Leben. Der Film erhielt im Jahr 2009 ganze 8 Oscars, 4 Golden Globes, 7 British Academy Film Awards und etliche weitere Auszeichnungen.

 

 

127 Hours127 Hours (2010, auch Drehbuchautor)

Hauptdarsteller James Franco verbringt als Bergsteiger Aron Ralston Quality Time im Fels. Der biographische Film wurde 2011 sechs Mal für den Oscar und drei Mal für den Golden Globe nominiert, ging jedoch leider leer aus. Immerhin schnappten sich Danny Boyle und Simon Beaufoy den Writers Guild of America Award 2012 für das beste adaptierte Drehbuch.

 

 

Frankenstein (2011, Theaterstück)

In seiner Theaterinszenierung ließ Danny Boyle 2011 Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller abwechseln in die Rolle des Dr. Frankenstein und seiner Kreatur schlüpfen. Beide Darsteller wurden dafür mit dem Olivier Award und dem London Evening Standard Award ausgezeichnet.

 

Inszenierung der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London (2012)

Die pompöse Inszenierung Boyles trug den Titel „Isle of Wonders“. Sie beinhaltete unter anderem einen Auftritt von Kenneth Branagh, Daniel Craig als James Bond und die industrielle Revolution und Die Queen beim Fallschirmspringen.

 

TranceTrance – Gefährliche Erinnerung (2013)

In dem Thiller versuchen James McAvoy, Rosario Dawson und Vincent Cassel an ein millionenschweres Kunstwerk aus einem Raub zu kommen. Dem Soundtrack widmete sich Rick Smith von der Band Underworld.

 

 

Steve Jobs (2015)

Die Filmbiografie aus der Feder von Aaron Sorkin (The Social Network) zeigt das Leben des Tech-Tyrannen Steve Jobs mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Nebendarstellerin Kate Winslet erhielt für ihre Leistung einen Golden Globe Award, British Academy Film Award und den London Critics’ Circle Film Award. Zudem war sie für den Oscar nominiert. Fassbender erhielt ebenfalls eine Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller.

 

T2 Trainspotting (2017)

John Hodge verfasste wie schon 1996 für den ersten Teil auch hier das Drehbuch. Die Handlung des Films setzt 20 Jahre nach dem Original ein. Sie führt die Hauptfiguren (Ewan McGregor, Ewen Bremner, Robert Carlyle und Jonny Lee Miller) im schottischen Edinburgh wieder zusammen. Das Drehbuch basiert zum Teil auf Irvine Welshs Folgeroman Porno aus dem Jahr 2002. Welsh tritt sogar in einer kleinen Nebenrolle selbst im Film auf.

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